Die Bedeutung einer Espresso Waage für deine perfekte Espressozubereitung

Von der Kaffeelust-RedaktionAktualisiert am 4 Min.

Die Bedeutung einer Espresso Waage für deine perfekte Espressozubereitung

Eine Küchenwaage für 12 Euro wiegt Mehl auf ein Gramm genau. Warum also kostet eine Espressowaage das Zehnfache? Der naheliegende Gedanke ist, dass sie genauer misst. Der stimmt sogar, führt aber am Punkt vorbei. Was eine Espressowaage wirklich ausmacht, ist etwas anderes: Sie ist schnell genug, um einem laufenden Bezug zu folgen. Wozu braucht man das? Und ab wann lohnt es sich?

Warum Milliliter beim Espresso nicht funktionieren

Espresso wird traditionell in Millilitern gemessen. Die italienische Zertifizierung nennt 25 Milliliter, ausdrücklich inklusive Crema. Und genau da beginnt das Problem.

Crema ist zum größten Teil Gas. Frisch gerösteter Kaffee enthält ein bis zwei Prozent seines Gewichts an Kohlendioxid, und die Entgasung ist in den ersten 24 bis 72 Stunden nach der Röstung am heftigsten. Was du beim Bezug als Crema aufsteigen siehst, ist im Kern diese Entgasung.

Daraus folgt: Zwei Bezüge mit identischem Volumen können völlig unterschiedlich viel gelösten Kaffee enthalten, je nach Röstdatum, Röstgrad und Bohne. Eine Bohne von vorgestern baut eine dicke Cremaschicht auf, dieselbe Bohne drei Wochen später kaum noch. Das Glas ist gleich voll, in der Tasse ist etwas anderes.

Masse kennt dieses Problem nicht. Gas wiegt praktisch nichts.

Es gibt kein verbindliches Espresso-Rezept

Bevor du dich an Zahlen festhältst: Eine allgemeingültige Norm existiert nicht, und die beiden Definitionen, die es gibt, widersprechen einander.

Das Istituto Nazionale Espresso Italiano zertifiziert: 7 Gramm Kaffeemehl (plus minus 0,5), 25 Milliliter in der Tasse (plus minus 2,5), 25 Sekunden, 9 bar, 88 Grad. Ein Volumenmaß.

Die alte SCAA-Definition nennt 7 bis 9 Gramm für einen einfachen Espresso, daraus 25 bis 35 Milliliter, 20 bis 30 Sekunden. Die Specialty Coffee Association behandelt diese Definition heute selbst als historisch und hat dokumentiert, dass sie die Praxis nicht mehr abbildet.

Was in der Spezialitätenszene tatsächlich gefahren wird, ist ein Gewichtsverhältnis: 1 zu 2, also etwa 18 Gramm Mehl auf 36 Gramm Getränk, in 25 bis 30 Sekunden. Ristretto liegt enger, um 1 zu 1 bis 1 zu 1,5, Lungo ab etwa 1 zu 3.

Merk dir das als Ausgangspunkt zum Einstellen, nicht als Sollwert. Die Zielgröße ist der Geschmack, alles andere sind Stellschrauben.

filter holder with coffee on the precision scale

Nicht die Auflösung zählt, sondern die Reaktionszeit

Hier liegt der eigentliche Unterschied, und er steht selten in Produktbeschreibungen.

Zur Auflösung: 0,1 Gramm auf eine Einwaage von 18 Gramm sind 0,56 Prozent. Das ist reichlich. Zum Vergleich arbeitet das Verkostungsprotokoll der SCA mit einer Toleranz von plus minus 0,25 Gramm auf 8,25 Gramm, also rund 3 Prozent. Selbst eine Norm ist hier großzügiger als deine Waage.

Das Problem ist die Trägheit. Gegen Ende eines Bezugs laufen ein bis zwei Gramm pro Sekunde in die Tasse. Eine normale Küchenwaage aktualisiert zwei- bis fünfmal je Sekunde und glättet den Wert zusätzlich, damit die Anzeige ruhig steht. Bis sie den Zielwert zeigt, sind mehrere Gramm mehr durchgelaufen.

Espressowaagen sind deshalb auf kurze Ansprechzeiten ausgelegt, unter einer halben Sekunde. Hersteller nennen Werte um 0,3 Sekunden und 20 Aktualisierungen je Sekunde. Unabhängig geprüft sind diese Angaben nicht, einen Normtest für Kaffeewaagen gibt es nicht.

Warum Mahlen auf Zeit driftet

Das zweite Argument betrifft die Einwaage. Wer seine Mühle auf Sekunden einstellt, mahlt in Wahrheit nie dieselbe Menge.

Der Durchsatz einer Mühle ändert sich mit dem Mahlgrad. Jedes Mal, wenn du feiner oder gröber stellst, verschiebt sich die Dosis, obwohl die Zeit gleich bleibt. Dazu kommen Bohnenwechsel, Füllstand im Trichter, Aufwärmzustand des Mahlwerks und die Luftfeuchte.

Zahlen dazu kursieren reichlich, belegen lässt sich keine davon. Und damit es nicht zu einfach wird: In mindestens einem Vergleichstest arbeitete die Zeitmühle sogar konsistenter als die Mühle mit eingebauter Waage. Grind-by-Weight ist kein Automatismus für Präzision.

Woman spooning coffee beans into a glass on the scales

Brauchst du eine?

Ehrliche Antwort: nicht unbedingt.

Wenn du morgens denselben Kaffee auf derselben Einstellung beziehst und zufrieden bist, ändert eine Waage daran wenig. Der Nutzen entsteht in zwei Situationen.

Beim Einstellen einer neuen Bohne. Ohne Waage änderst du Mahlgrad und Dosis gleichzeitig, ohne es zu merken, und tappst im Dunkeln. Mit Waage hältst du die Einwaage fest und bewegst nur eine Variable.

Beim Wiederholen. Ein Espresso, der einmal geschmeckt hat, lässt sich nur reproduzieren, wenn du weißt, was drin war.

Für alles darüber hinaus gilt: Eine Waage misst, sie schmeckt nicht. Sie sagt dir, was du getan hast, nicht ob es richtig war.

Wie aus 18 Gramm überhaupt ein Espresso wird und was dabei im Sieb passiert, steht in unserem Artikel zu Espresso für Siebträgermaschinen.

Kaffeelust-Redaktion

Kaffeelust-Redaktion

Wir schreiben seit Jahren über Kaffee, testen selbst und betreiben das Verzeichnis der Kaffeeröstereien in Deutschland und Österreich. Mehr über uns