Fair-Trade-Kaffee: was die Siegel bedeuten und was bei den Bauern ankommt

Von der Kaffeelust-RedaktionAktualisiert am 5 Min.

Fair-Trade-Kaffee: was die Siegel bedeuten und was bei den Bauern ankommt

Der Morgennebel hängt noch schwer über den Kaffeeplantagen in den Höhenlagen Costa Ricas. Zwischen den dunkelgrünen Kaffeepflanzen schimmern rote Beeren. Es ist Erntezeit, und auf der Packung im Supermarktregal steht später vielleicht ein Siegel, das genau diesen Moment fairer machen soll. Nur: welches Siegel meint eigentlich was. Und kommt bei den Menschen, die die Beeren pflücken, wirklich etwas davon an.

Was "fair" auf einer Kaffeepackung eigentlich bedeutet

Vier große Organisationen des fairen Handels, FLO, WFTO, NEWS! und EFTA, haben auf internationaler Ebene einen gemeinsamen Kodex formuliert, die "Charter of Fair Trade Principles". Er beschreibt, was fairer Handel ausmachen soll. Ein Siegel wäre eine bequeme Sache, wenn sich jede Organisation exakt daran hielte.

So einfach ist es nicht. Mit Ausnahme des Bio-Siegels gibt es keinen gesetzlichen Rahmen, an den sich alle halten müssen. Der Kodex bleibt Orientierung, nicht Vorschrift. Jede Organisation legt eigene Standards mit eigenen Schwerpunkten fest. Was fair ist, wird damit zur Auslegungssache der jeweiligen Zertifizierung.

Wie viel davon bei den Bauern ankommt

Hans-Peter Egler, Leiter der Abteilung Handelsförderung beim Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO), hat mehrere Labels in einer Studie untersucht. Sein Fazit: grundsätzlich verbessern alle Labels die Lebensgrundlage der Bauern, ein zertifiziertes Produkt ist einem No-Name-Produkt vorzuziehen. Wie stark das gelingt, unterscheidet sich aber deutlich.

Untersucht wurden rund 5.000 Kaffee- und Kakaofarmen, verglichen mit konventionellem Anbau. Die Produktion stieg bei zertifizierten Betrieben um 13 Prozent bei Fair Trade, 15 Prozent bei Rainforest Alliance und 32 Prozent bei UTZ. Beim Verkaufspreis fiel der Effekt kleiner aus: plus 9 Prozent bei Fairtrade, plus 10 Prozent bei Rainforest Alliance, nur plus 4 Prozent bei UTZ.

Die Zahlen zeigen etwas, das auf keinem Siegel steht: mehr Ertrag heißt nicht automatisch mehr Einkommen. Wer ein Siegel kauft, unterstützt bessere Bedingungen. Wie viel davon als höherer Preis bei der Farm ankommt, hängt vom Label ab.

Fair Trade, Rainforest Alliance, UTZ und Bio im Vergleich

Frau mit Afro und Brille zuckt ratlos mit den Schultern

Fair Trade prüft vor allem soziale und ökonomische Kriterien. Zentral ist ein Mindestpreis unabhängig vom Weltmarktpreis, dazu Sozialprämien pro verkauftem Pfund Arabica-Rohkaffee, von denen ein Teil in Qualitäts- oder Produktivitätsprojekte fließen muss. Verboten sind Kinder- und Zwangsarbeit sowie Diskriminierung, geprüft wird alle drei Jahre durch unabhängige Stellen. Kritisiert wird, dass der Mindestpreis zwar vor Preisstürzen schützt, Qualitätsverbesserungen aber kaum fördert, und dass Konsumenten nicht sehen, wofür die Sozialprämien konkret verwendet werden.

Fairtrade-Siegel mit stilisierter Person in Blau und Grün auf Schwarz

Rainforest Alliance ist zuerst eine Umweltschutzorganisation. Im Fokus stehen Erhalt der Ökosysteme, Wiederaufforstung, Gewässerschutz und der Schutz von Tier- und Pflanzenarten, dazu angemessene Arbeitsbedingungen und gute Beziehungen zu den umliegenden Gemeinden. Die Zertifizierung gilt drei Jahre mit fünf Audits. Kritisch: Das Siegel wird schon vergeben, wenn erst 30 Prozent des Kaffees eines Betriebs zertifiziert sind, die Quote muss erst innerhalb von fünf Jahren auf 100 Prozent steigen. Zertifizierte und nicht zertifizierte Bohnen können in dieser Zeit vermischt werden.

Grünes Siegel Rainforest Alliance Verified mit stilisiertem Frosch im Kreis

UTZ arbeitet vor allem mit Großunternehmen und legt den Schwerpunkt auf Transparenz und Rückverfolgbarkeit in der Lieferkette. Dazu gehören kostenlose Schulungen für Arbeiter, die Einhaltung nationaler Arbeitsgesetze und der ILO-Normen sowie Maßnahmen gegen Bodenerosion. Transaktionen zwischen Produzenten und Käufern werden über eine Onlinedatenbank erfasst. 2018 haben sich Rainforest Alliance und UTZ zusammengeschlossen, seither gelten für UTZ dieselben Kritikpunkte wie für Rainforest Alliance.

Rotes Logo mit weißem Schriftzug UTZ Certified

Bio ist das einzige Siegel mit gesetzlich festgelegtem Rahmen und echten Strafen bei Missbrauch. Seit 2012 gilt das europäische Bio-Siegel, das die vorherige nationale Kennzeichnung abgelöst hat. Es verbietet Gentechnik sowie chemisch-synthetischen Pflanzenschutz und Dünger und schreibt jährliche, teils unangemeldete Kontrollen vor. Ein zusammengesetztes Lebensmittel darf nur dann "bio" heißen, wenn mindestens 95 Prozent seiner Zutaten die Kriterien erfüllen. Offen bleibt: Bio prüft Anbaumethoden, keine sozialen oder wirtschaftlichen Bedingungen der Bauern.

EU-Bio-Logo mit Sternen in Blattform auf grünem Grund

Direct Trade als Alternative

In der wachsenden Spezialitäten-Nische des Kaffeemarkts hält so mancher Röster Siegel für den falschen Ansatz. Kaffeeexperte Thomas Eckel von der Murnauer Kaffeerösterei sagt, dort brauche es keine Mindestlöhne mehr. Nur im Massenmarkt, wo weiterhin billige Ware umgeschlagen wird, könne ein System wie Fair Trade überhaupt sinnvoll sein.

Er hat sich, wie einige andere Kaffee-Manufakturen, für Direct Trade entschieden. „Es ist kein eingetragenes Markenzeichen, in unseren Augen jedoch das bestmögliche Modell, denn es hat die Menschen dahinter im Blick. Nur so ein Handel ist für uns ein wirklich fairer und nachhaltiger Handel“, ist er überzeugt.

Direct Trade bedeutet für ihn:

  • Die Bauern persönlich kennen, ihre Herausforderungen kennen und dabei helfen, sie zu bewältigen.
  • Langfristige Handelsbeziehungen als Grundlage, die den Bauern eine sichere Zukunftsperspektive geben.
  • Keine Zwischenstufen, direkt mit den Bauern verhandeln, ohne dass unterwegs etwas verloren geht.
  • Mehr zahlen als den Börsen- oder Mindestpreis, wenn die Qualität es hergibt.
  • Partner auf Augenhöhe, die laufend voneinander lernen.

Ein Siegel und Direct Trade schließen sich nicht aus, sie beantworten nur unterschiedliche Fragen. Ein Siegel lässt sich beim Griff ins Regal ablesen. Direct Trade lässt sich nur einer Rösterei glauben, die ihre Handelsbeziehungen offenlegt.

Worauf du beim Kauf achten kannst

Ein Siegel sagt dir, nach welchen Kriterien geprüft wurde, nicht wie viel davon bei der einzelnen Farm ankommt. Bio ist das einzige mit gesetzlichem Rahmen, dafür ohne sozialen Anspruch. Fair Trade, Rainforest Alliance und UTZ setzen unterschiedliche Schwerpunkte und liefern unterschiedlich viel Preiswirkung, wie die SECO-Studie zeigt.

Direct Trade verzichtet auf ein Siegel und verlangt stattdessen Vertrauen in eine einzelne Rösterei. Am Ende bleibt jedes Siegel ein Hinweis, kein Beweis. Wer es genau wissen will, fragt die Rösterei, wo der Kaffee herkommt.

Kaffeelust-Redaktion

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